Im Erdboden versunken

Es ist ein außergewöhnlich warmer Tag, als wir die staubige Straße in einem der Vororte Budapests entlang laufen. Jeder von uns trägt festes Schuhwerk, einen roten Overall und einen Helm unterm Arm. Nach einer Weile biegen wir auf einen unbefestigten Pfad ab und laufen weiter, bis wir zu einer schweren Eisentür in einem Fels kommen. Davor bleiben wir stehen, ziehen die Helme auf und helfen uns gegenseitig, die Stirnlampen anzuknipsen. Ein letztes Mal fragt uns unser Guide, ob wir nicht umdrehen wollen. Keiner steigt aus, und sie öffnet die Tür. Wir sind heute Höhlenklettern, und das war der Point of no return.

Viele der unzähligen Besucher Budapests wissen nicht, dass unter ihren Füßen eine ganz andere Welt liegt, nämlich das drittgrößte Höhlensystem Ungarns. Früher wurde es vor allem für militärische Zwecke genutzt, sowie für die Lagerung von allem, was kühl und trocken aufbewahrt werden sollte, wie Wein, Käse oder Vampire (Vlad Tepes, den meisten besser bekannt als Graf Dracula, wurde einst dort gefangen gehalten). Hier entspringen zudem die Quellen für die unzähligen Thermalbäder, für die Budapest so berühmt ist. Trotzdem wurden die Höhlen erst spät für den Tourismus entdeckt, weshalb sie auch heute noch eher ein Geheimtipp sind. Es gibt zwar das sogenannte „Labyrinth“, welches aber Berichten zufolge nicht wirklich spannend sein soll. Ich entscheide mich deshalb für ein richtiges Abenteuer und buche eine Tour in einen der natürlich belassenen Teile: die Pálvölgyi Höhle.

Bevor wir anfangen, erklärt uns die Führerin die Regeln: „No trips on your own, no searching for new paths, don’t feed the creatures, don’t eat the creatures, and remember the way we are going because you have to find out alone“. Ihr Tonfall ist ernst, bis sie plötzlich in ein breites Grinsen ausbricht und uns versichert, sie mache nur Spaß. Als sie auf das schwarze Loch im Boden zeigt, durch das wir gleich klettern müssen, ist uns allen trotzdem etwas mulmig.

In den nächsten 2,5 Stunden klettern, krabbeln und robben wir durch teilweise nicht mal einen halben Meter breite Felsspalten – klaustrophobisch darf man hier auf jeden Fall nicht sein. Aufrecht gegangen wird nur, wenn wir einen der Abschnitte erreichen und unser Guide uns Wissenswertes über die Höhlen erzählt. Trotz der knappen 10 Grad Celsius kommen wir alle ins Schwitzen, was aber auch an der hohen Luftfeuchtigkeit liegen könnte.

Im größten der Höhlenräume, in dem tatsächlich sogar jährlich Konzerte stattfinden, machen wir nach der Hälfte der Zeit eine Pause. Der Boden ist uneben, und wir legen uns hin um eine „Höhlenmassage“ zu bekommen. Unser Guide weißt uns an, die Stirnlampen auszuschalten, denn sie will uns etwas zeigen. Ein bisschen zögerlich knipsen wir nach und nach die Lichter aus – und werden von der Dunkelheit verschluckt.

Wenn man nachts durch ein Haus geht ohne das Licht anzumachen, dann ist es zwar anfangs dunkel, aber nach einer Weile beginnt man Schemen zu sehen: der Tisch, der Kleiderschrank, die Stühle. Das hier ist anders. Auch nach zehn Minuten bleibt es schwarz, und ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich die Augen offen oder geschlossen habe. Doch anstatt Angst macht sich in mir Gelassenheit breit. Hier, knapp hundert Meter unter den Straßen Budapests, erleben wir eine Ruhe die ich noch nirgends sonst gesehen habe. Ich bin schon fast traurig als wir die Lampen wieder anknipsen müssen.

Als wir nach einer gefühlten Ewigkeit wieder ins Sonnenlicht treten, bringen wir nichts außer Blauen Flecke und einer ordentlichen Portion Muskelkater mit. Ich bin definitiv begeistert und will unbedingt wieder zum „Caving“ gehen. Wenn man darüber nachdenkt, hat es ziemlich viel mit dem Leben selbst gemeinsam: Anstrengend, ein bisschen abenteuerlich und einfacher, wenn man davon ausgeht, dass alles Licht von einem selbst kommt.

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