Tagebuch einer Nicht-Joggerin

14. März 2019
Ich gehe nicht joggen. Ich weiß, es gesund ist und spätestens seit die Vorsitzende des Nordic-Walking-Clubs meiner Großmutter mir persönlich versichert hat, dass man ja irgendetwas für seinen Körper tuen müsse, fühle ich mich ein wenig schlecht wenn die nächste Studentin locker-leicht an mir vorbei joggt. Dabei ist schon der bloße Akt des Joggens für mich eine Zumutung, denn ich würde nicht locker-leicht durch die Gegend hüpfen, sondern eher aussehen, als würde ich zum ersten Mal in meinem Leben auf zwei Beinen gehen. Joggen – das ist also aus der Menschheit geworden. Einst geschickte Jäger und Sammler stolpern nun durch Wüsten aus Beton um den Döner vom Vortag abzutrainieren. Sie laufen nicht, sie rennen nicht: sie joggen. Die endgültige Manifestation der bescheuerten Gangarten, die nur noch von Nordic-Walking übertroffen wird. Bevor ich Joggen gehe, schaue ich lieber eine ganze Staffel „Schwiegertochter gesucht“ am Stück.

17. März 2019
Habe heute gelesen, dass es auf Margits Island hier in Budapest eine Joggingstrecke gibt. Normalerweise kann ich mich damit herausreden, Joggen auf Asphalt ruiniere die Knie, doch nun gibt es eine Möglichkeit knieschonend etwas Gutes für seinen Körper zu tun. Der Himmel ist blau, die Temperatur nicht zu hoch. Bleibe zuhause und schaue Netflix.

19. März 2019
Wurde von einem Kunden in die Enge getrieben mit der Frage, ob ich bei diesem schönen Wetter nicht raus gehen wolle. Ziehe die Geheimwaffe aller Frauen und behaupte, ich habe meine Tage und könne das ganze Blut nicht mehr aus der Sportkleidung kriegen. Geschickt gerettet, der Kunde hatte plötzlich einen wichtigen Termin und musste gehen. Habe eine Internetpetition gegründet um Jogginghosen in Sofahosen umzubenennen.

23. März 2019
Es ist passiert: ich bin Joggen gegangen. Einer der Nachbarn kann offensichtlich kein Nein verstehen und hat mich mit der Aussage, ich schulde ihm doch wenigsten ein Date, sehr wütend gemacht. Ich hasse Joggen, aber heute hasse ich Männer noch mehr. Wutentbrannt habe ich meine Sofahose angezogen und bin zu Margits Island gegangen, um meine Aggression durch Joggen abzubauen. Hier ein kurzer Abriss meiner Erlebnisse:

0,5 Km
Leuchtend weiße Kilometerangaben in der roten Joggingstrecke zeigen einem den Grad der eigenen Unsportlichkeit an. Das fängt ja super an.

1 Km
Joggen ist gar nicht so schlimm! Es macht eigentlich sogar richtig Spaß! Die Aussicht ist toll und ich fühle mich so sportlich wie lange nicht mehr. Falle sogar anderen Joggern auf, die mich freundlich anlachen. Ich sollte das hier öfter machen!

1,1 Km
Nehme alles zurück. Bin an einer spiegelnden Oberfläche vorbeigejoggt, sehe aus wie kurz vor Herzinfarkt. Offenbar lachen mich die anderen Jogger nicht an, sondern aus. Ich hasse Joggen.

2,5 Km
Meine Lunge hat Feuer gefangen. Spiele mit dem Gedanken, nach rechts zu springen und mich in der Donau zu ertränken. Eine gerechte Strafe für jemanden, der freiwillig Joggen geht.

3 Km
Ich hasse mich, ich hasse mich, ich hasse mich, ich hasse mich, ich hasse mich, ich hasse mich, ich hasse mich, ich hasse mich, ich hasse mich, ich hasse mich, ich hasse mich, ich hasse mich, ich hasse mich, ich hasse mich, ich hasse mich, ich hasse mich, ich hasse mich, ich hasse mich, ich hasse mich, ich hasse mich, ich hasse mich.

4 Km
Frage mich, warum ich immer noch laufe. Irgendwie haben die weißen Kilometerangaben meinen Ehrgeiz gepackt, sobald ich eine passiere will ich die nächste erreichen. Denke darüber nach, ob „zu Tode gejoggt“ eine gute Grabsteinaufschrift ist.

4,8 Km
Kurz vor dem Ziel. Jeder Schritt brennt, habe Angst das meine Beine abfallen. Höre nichts mehr außer meinem eigenen Atem, der so laut ist als würde mir ein sterbendes Pferd ins Ohr schnaufen.

5 Km
Geschafft!!!! Ich bin am Ziel, stolpere triumphierend über die letzte Kilometermarke und breche schnaufend zusammen. Hole mein Handy raus und melde mich vorsorglich für eine Lungentransplantation an. Trotz der Schmerzen fühle ich mich, als könnte ich alles schaffen. Spiele mit dem Gedanken, eine Revolution anzuzetteln und den Mount Everest zu besteigen, verschiebe das aber auf morgen.

23. März 2019, später
Habe unter der Dusche festgestellt, dass ich trotz allem kein Sixpack habe. Joggen ist scheiße. Ich mache das nie wieder.

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