Quarantäne

Ich liebe Katastrophenfilme. Es gibt kein besseres Mittel gegen schlechte Laune als ein schöner Weltuntergang, nicht wahr? Besonders liebe ich es, wenn die Hauptpersonen nicht nur von einem gefährlichen Übel wie einer biologischen Epidemie bedroht werden, sondern dann auch noch psychischem Terror ausgesetzt sind. Klingt alles fantastisch, solange es nur auf meinem Bildschirm passiert… und nicht in meinem Leben.

Es ist Freitagnacht, und ein Kollege und ich laufen von einer Feier nach Hause. Er redet die ganze Zeit davon, wie übel ihm ist, ich rede die ganze Zeit davon, dass es nicht mehr weit bis nach Hause ist. In dem Moment, in dem wir die Haustür zum Hostel öffnen, stürzt er ins Badezimmer und übergibt sich in die Toilette. Ich stecke ihn ins Bett, stelle einen Eimer daneben und denke mir nichts weiter dabei. Ich arbeite in einem Hostel in einer Stadt die für Party bekannt ist – es ist nicht das erste Mal das ich jemanden sehe, der sich wegen zu viel Alkohol erbricht.

Etwa um sechs werde ich morgens wach wegen seltsamer Geräusche. Als ich mich verschlafen im Zimmer umschaue, sehe ich Cami in eine Mülltüte brechen. Kaum fünf Minuten später wacht auch mein anderer Kollege wieder auf und übergibt sich ebenfalls.

Am nächsten Morgen ist alles noch viel schlimmer: Beide haben Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen und erbrechen sich ständig. Ich übernehme eine Schicht für Cami, dann versuchen wir einen Arzt zu rufen. Unglücklicherweise sind die Behörden hier nicht wirklich hilfreich sofern man kein Ungarisch spricht – mein Kollege fragt am Telefon hilflos nach einer der anderen Sprachen, die unser Team hier spricht: „Englisch? Italienisch? Spanisch? Deutsch? Irgendetwas??“ Schließlich schaffen wir es doch noch, einen Arzt zum Hostel zu bestellen.

Als am frühen Nachmittag endlich zwei Notärzte eintreffen und die beiden Kranken untersuchen, versammelt der Rest des Teams sich auf dem Sofa im Gemeinschaftsraum. Anscheinend ist es ein Virus, nichts tödliches, aber man braucht ein paar Tage um wieder auf die Beine zu kommen. Beide bekommen Spritzen und eine Liste mit Medikamenten, dann kommt einer der Ärzte zu uns. Mit einem Blick auf die vielen Betten im Zimmer fragt er: „Wer schläft noch hier im Raum?“ Alle heben die Hände, er lacht leicht: „Dann herzlichen Glückwunsch, ihr werdet innerhalb der nächsten Tage auch alle so aussehen.“

So fühlt es sich also an, wenn der Hauptcharakter in meinem Film gesagt bekommt, er sei in Quarantäne. Ein ziemlich mieses Gefühl, auch wenn ich weiß das ich es überleben werde. Nachdem die Ärzte uns verlassen haben, besprechen wir wie es weitergehen soll – immerhin haben wir noch ein Hostel zu führen. Ich mache mich schließlich auf den Weg zur Apotheke und kaufe die verschriebenen Medikamente, und vorsorglich kaufe ich ein paar Mittel für mich mit.

In den nächsten Tagen geht es den Kranken bald wieder besser, während die anderen zunehmend mit dem Virus kämpfen. Die Gäste werden dank unserer Mini-Quarantäne nicht infiziert, aber von unserem Team werden alle krank – außer einem Jungen aus Nicaragua und mir. Ich spüre das es mir schlechter geht, mir ist übel und ich habe Kopfschmerzen, aber der Virus bricht bei mir nicht aus. Am Ende habe ich mehr Glück als Verstand.

Unsere Krise haben wir überlebt, aber es war ziemlich anstrengend mit Krankenpflege, Doppelschichten und diesem unguten Wissen, dass man selbst der nächste sein könnte. Ich muss mich jetzt erst mal wieder beruhigen, und zwar mit einer Komödie, nicht mit einem Katastrophenfilm.

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