Sand

Der Zug fährt ab, und plötzlich bin ich scheinbar alleine mitten im Nirgendwo. Das Bahnhofsgebäude wirkt alt, und die Stadt dahinter wirkt seltsam verlassen. Etwas unsicher mache ich mich auf und suche nach jemandem, der mir die richtige Richtung weisen kann. In einem Restaurant treffe ich einen alten Mann, der zwar kein Englisch spricht, aber trotzdem versteht wonach ich suche. Ohne sein Geschäft abzuschließen begleitet er mich zurück zum Bahnhof und ruft eine Frau in Uniform heraus, der er in Ungarisch mein Anliegen erklärt. Sie sucht daraufhin nach ihrer Tochter, der einzigen die hier Englisch spricht. Ob ihr Name wirklich Kitty ist oder es nur ein Spitzname aufgrund der vielen Hello-Kitty-Tattoos auf ihren Armen ist, finde ich nicht heraus, aber sie kann mir tatsächlich helfen. Sie zeigt über die Gleise in die Ferne, fünf Kilometer in die Richtung, dann nach rechts und nochmal so weit. Ich bedanke mich und mache mich auf den Weg in die ungarische Wüste.

Der Titel „Wüste“ löst bei den meisten Gedanken an Sahara, meilenweite Dünen und Kamele aus. Allerdings hat auch Ungarn eine offizielle „Wüste“: Durch jahrhundertelange Erosion hat die Donau eine große Menge Sand hier abgelagert, und in einem Naturschutzgebiet etwa 80 Kilometer südlich von Budapest ist eine Wüste entstanden. Zugegeben, keine richtige Touristenattraktion, und an den Reaktionen der Menschen sieht man auch, dass hier eher selten Wanderer vorbeikommen. Trotzdem hat mich die Beschreibung einer Wüste sofort gepackt, und auch wenn die anderen mich etwas schief ansehen, mache ich mich auf den Weg.

Während der ersten Kilometer laufe ich vor allem durch landwirtschaftlich genutzte Gebiete. Mehr als einmal fahren ältere Männer auf Motorrollern vorbei, und jedes Mal wirbeln sie eine Menge Staub auf. Mit jedem Schritt wird der Weg sandiger und meine Wanderschuhe verstaubter. Dafür ist die Natur hier draußen wunderschön: nach einer Weile kann ich die letzten Häuser hinter mir nicht mehr sehen, um mich herum nur noch Grasland das mich an die Steppe in Afrika erinnert. Vogelschwärme segeln um vereinzelt stehende Bäume, und hin und wieder flattert ein Fassan aus dem Gebüsch. Sogar eine Wildhasen bekomme ich zu sehen, der nicht weit entfernt aufschreckt und davon rast.

Da ich vor allem zum Fotografieren hergekommen bin, halte ich alle paar hundert Meter an und mache Bilder. Das Licht hier ist fantastisch, und auch ohne meilenweite Dünen werden die Fotos schön. Als ich endlich in die Wüste erreiche, werde ich zunächst von langen Sandstränden an blauen Seen begrüßt. Durch den leichten Wind jagen kleine Tornados aus aufgewirbeltem Sand übers Wasser, und ich entscheide mich für eine Pause. Alles hier ist so ruhig, und ich spüre wie sich mein Körper entspannt.

Ich bleibe noch eine Weile im Schilf sitzen, den See vor mir, kristallklaren Himmel über mir, meinen Wanderrucksack neben mir. Wer braucht schon Kamele für eine Wüste? Sand gibt es hier genug – und noch so viel mehr.

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