Gar nicht so anders

Ich bin ehrlich: mir war nicht bewusst, dass Serbien kein EU-Land ist. Erst als wir die Grenze überqueren und ich zum ersten Mal einen Stempel in meinen Pass bekomme, realisiere ich wie wenig ich eigentlich über dieses Land weiß. Sofort schalte ich mein neues Handy ab, denn mein Mobilfunkvertrag gilt hier nicht mehr.

Als ich endlich in Belgrad ankomme, eröffnet sich damit das nächste Problem: ich bin mit Cami aus Budapest verabredet, aber wie soll man sich ohne SMS und WhatsApp finden? Als Treffpunkt war der Busbahnhof abgemacht, doch der ist abgesehen von ein paar anderen Passagieren und aufdringlichen Taxifahrern leer. Ein bisschen besorgt laufe ich die Straße auf und ab, dann suche ich nach einem Platz mit WLAN. Nach einer Weile fällt mir auch mein Denkfehler auf: selbst wenn ich es schaffe, Cami eine Nachricht zu schicken, braucht sie ja ebenfalls eine Internetverbindung um diese zu bekommen.

Ich mache mich wieder auf den Weg zurück zum Busbahnhof, als ich auf der anderen Straßenseite plötzlich ein lautes Quietschen höre. An der Ampel steht ein Rotschopf mit viel zu großen Rucksack, der auf und ab hüpft und meinen Namen ruft. Ich fange ebenfalls begeistert an zu quietschen, und während absolut jeder im Umkreis von fünfhundert Metern sich nach uns umdreht, fallen wir uns in die Arme. Gefunden!

Nachdem wir etwas gegessen haben, machen wir uns auf den Weg zu unserem Couchsurfing-Host. Für mich ist es das erste Mal Couchsurfen mit einer anderen Person, für Cami das erste Mal überhaupt. Wie geplant wartet unser Host an der Bushaltestelle und begleitet uns zu sich nach Hause. Er ist ziemlich nett und bietet uns sein Schlafzimmer an, während er auf dem Sofa schläft. Nach und nach kommen wir mehr ins Gespräch, wer wir sind, was wir hier machen, welchen Beruf wir haben. Unser Host lässt uns nach seinem Job raten, doch wir liegen beide daneben. Auf die richtige Antwort wäre ich im Leben nicht gekommen: Soldat.

Eine weitere Sache, die mir nicht wirklich bewusst war: Serbien war Teil Jugoslawiens, und folglich bis noch vor knapp zwei Jahrzehnten im Krieg. Unser Host ist nicht mal zehn Jahre älter als ich, trotzdem wuchs er in Belgrad auf während noch Bomben vom Himmel fielen. Aus dieser Vorgeschichte erwuchs der Wunsch, das Vaterland zu verteidigen, geblieben ist er dann wegen der Kameraden. Es fühlt sich ein bisschen seltsam an, jemanden über Krieg reden zu hören, als wäre es etwas Normales. Cami und ich haben beide viele Fragen, und ein Soldat hat Antworten.

Nachdem Cami schon ins Bett gegangen ist, reden der Host und ich noch am Küchentisch, denn das Gespräch hat inzwischen eine ganz andere Richtung angenommen: Medien. Wir streiten über den besten Soundtrack, reden über die Entwicklung des Actionfilms und stellen fest, dass wir beide den gleichen Lieblings-Superhelden haben: Wolverine. Als Cami um zwei Uhr morgens ins Badezimmer gehen will, findet sie uns beide auf dem Wohnzimmerboden, wie wir gespannt Horror-Podcasts hören.

Es ist etwas seltsam, wenn dein Gegenüber dir erzählt wie es ist in einem Kampfeinsatz Fallschirm zu springen, oder während des Gesprächs plötzlich sein Hosenbein hochzieht und auf eine lange Narbe deutet: „Handgranate, an der Grenze zum Kosovo.“ Ich hatte wenig Ahnung von Serbien, und gerade bei solchen Geschichten weiß ich oft nicht, wie ich ein Gespräch anfangen soll.

In den Tagen darauf frage ich immer öfter Menschen, wie es war, hier in Serbien aufzuwachsen. Man erzählt mir von nervigen Geschwistern die man trotzdem mag, liebevollen Eltern, Fahrradrennen um den Block, besten Freunden und Cartoonserien. Niemand redet direkt von Krieg oder Bomben, und ich realisiere, dass diese für die Menschen hier zwar ein Teil ihres Lebens sind, aber nicht ihre ganze Existenz. Wer hier von Kindheit redet, erzählt eine Geschichte, die auch an jedem anderen Ort der Welt hätte passieren können – nur eben vor unterschiedlichen Hintergründen. Auch wenn es hier in Serbien einiges gibt, das ganz anders ist: es gibt eben noch mehr, was uns verbindet.

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