Wie wir die größte Kirche Serbiens verloren haben

Man sieht sie eigentlich von überall: die Kathedrale des Heiligen Sava. Während Cami und ich durch Belgrad laufen, lugt das größte orthodoxe Gotteshaus auf dem Balkan immer wieder aus den Häuserschluchten hervor, und immer sieht es so aus, als wäre sie gleich um die Ecke. Fast schon allgegenwärtig begegnet sie uns immer wieder, genauer gesagt so oft, dass wir uns schon Sorgen um unseren Orientierungssinn machen. Eine Kirche kann doch nicht an so vielen Orten gleichzeitig sein, oder?

Weil ein Besuch Belgrads ohne die 70 Meter hohe Kirche im serbisch-byzantinischen Stil einfach nicht vollständig wäre, machen wir uns am vorletzten Tag doch noch auf den Weg zu ihr. Nach dem Besuch eines der vielen Museen laufen wir in die ungefähre Richtung, die uns eine Offline-Karten App zeigt. Inzwischen haben wir dazu gelernt und bereiten uns jetzt jeden Morgen auf den Tag vor, bevor wir uns in die Roaming-freie Welt begeben. Ganz „altmodisch“ wird deshalb eine Karte benutzt – auch wenn sie trotzdem auf dem Handy ist.

Nachdem wir die Kathedrale während unserer Zeit hier so oft aus der Ferne gesehen haben, sind wir uns sicher sie finden zu können. Und gerade eben war sie ja noch da, als wir auf der anderen Seite des Kreisverkehrs standen, nicht wahr? Vor zwei Minuten wussten wir noch genau wohin, und jetzt stehen wir verloren zwischen Wohnblöcken und serbischen Restaurants. Die Offline-App funktioniert auch nicht mehr richtig, immerhin behauptet sie, am Ende der Straße müsste die Kirche stehen. Cami und ich schauen uns verwirrt an bevor wir laut loslachen: wir haben doch tatsächlich die größte orthodoxe Kirche Serbiens verloren.

Eine Weile folgen wir einfach der Karte, dann gehen wir irgendwann nach rechts und durch einen kleinen Stadtpark. Menschen sind gerade auch keine da die man fragen könnte, anscheinend bewegen wir uns aus dem Stadtzentrum heraus. Nach zwanzig Minuten herumirren biegt Cami um eine Hausecke, ich hinterher. Wie aus dem Nichts steht plötzlich die Kathedrale am Ende der Straße, so als würde sie schon die ganze Zeit da stehen und auf uns warten – so wie mein kleiner Bruder immer aussieht, wenn wir eine Runde Verstecken spielen („Wie, du konntest mich nicht finden…?“)

Wir entscheiden uns, das Mysterium der wandernden Kirche nicht weiter zu untersuchen und laufen noch gut einen halben Kilometer. Wie sich herausstellt, sehen große Kirchen immer sehr nah aus, auch wenn sie eigentlich wirklich sehr weit weg sind. Als wir endlich ankommen, hat sich die Suche aber gelohnt: mit ihren vier Türmen und der Kuppel ist die Kathedrale wirklich beeindruckend, vor allem wenn man bedenkt, dass sie laut Infotafel bis zu 10.000 gläubige Besucher auf einmal beherbergen kann (nicht-gläubige Besucher anscheinend auch, zumindest bin ich nicht in Flammen aufgegangen…).

Cami und ich machen uns auf den Weg, etwas zu Mittag zu essen, und ich denke noch eine Weile an Herrn Turtur aus dem Buch Jim Knopf. Ob dem Scheinriesen diese Kirche gefallen hätte? Obwohl, die Kathedrale des Heiligen Sava bleibt gigantisch, egal wie nah man an ihr dran ist. Was bleibt ist das Mysterium, und das wäre bestimmt etwas für Jim und Lukas…

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