Take Me To Church

Ich bin genauso religiös wie die meisten in meinem Alter (und wenn ich das Schreiben darf: auch die meisten anderen Menschen in Deutschland). Man wurde getauft, hatte Kommunion oder Konfirmation, vielleicht heiratet man noch kirchlich, aber jeden Sonntag in die Kirche geht es nicht. Die Bibel kennt man sporadisch, an Weihnachten schaut man sich noch den Gottesdienst an, und über die Skandale in der Zeitung schüttelt man den Kopf. Man redet über Religionsfreiheit und einen Unterschied zwischen Glauben und Religion, und dann dreht man sich wieder um und schaut Fußball. Kurz: es ist kein großes Thema für mich.

Interessant ist, wie andere Länder sich dabei unterscheiden. Während in den Niederlanden Kirchen an Privatpersonen verkauft und zu Hotels renoviert werden, kann man in Polen kaum ein Kirchengebäude finden, in dem nicht gerade gebetet wird. Serbien zählt zu den religiöseren Ländern, die meisten Menschen hier sind Teil der orthodoxen Kirche. Auch Dragan ist gläubig, allerdings gehört er einer Religion an, mit der ich bisher nicht sonderlich viel zu tun hatte: die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten.

Gleich zu Anfang meines Aufenthalts erklärt Dragan mir, dass in ihrer Religion der Samstag als freier Tag gefeiert wird, nicht der Sonntag. Für mich ist das in Ordnung, und ich werde sogar eingeladen, an einem Gottesdienst teilzunehmen. Aus Interesse sage ich ja, und bereits am nächsten Samstag fährt Dragan mit mir in das nächste kleine Örtchen, um in ihrem Gotteshaus zu feiern.

Ich komme erst nach der zweiten Hälfte des Gottesdienstes dazu. Zuvor wurde etwa eine Stunde lang eine Stelle der Bibel besprochen und Gedanken darüber ausgetauscht. Jede Woche wird weltweit ein neues Thema behandelt, mit welchem man sich vorab beschäftigt und dann seine Eindrücke mit in den Gottesdienst bringt. Die zweite Hälfte ist eher so, wie ich es als getaufte Christin kenne: Predigt und Gesang, dazu wird noch eine Stelle der Bibel von einem Freiwilligen vorgelesen. Ich verstehe absolut nichts, und es ist schwierig zu wissen, wann ich aufstehen soll und wann nicht.

Seltsam wird es allerdings, als das Abendmahl angekündigt wird. Dieses findet nur vierteljährlich statt und beginnt bei den Siebenten-Tags-Adventisten traditionell mit der Fußwaschung. Zuerst werden die Frauen ins Untergeschoss gebeten, was mich mit einschließt. Während ich etwas verwirrt auf einem Stuhl sitze, ziehen die Frauen sich gegenseitig die Schuhe aus und waschen einander die Füße. Sie lassen sich dabei Zeit und unterhalten sich auf Serbisch, bis sie ihre Füße mit einem Handtuch trockenreiben und wir wieder nach oben gehen.

Nachdem auch die Männer von der Fußwaschung zurückgekehrt sind, findet das Abendmahl so statt wie ich es aus meiner Heimat kenne. Dragan weißt mich an sitzen zu bleiben  weshalb ich als Einzige auf der Bank hocke. Danach wird der Gottesdienst beendet, und wir werden zu einem befreundeten Ehepaar zum Mittagessen eingeladen. Interessant war es allemal, aber ich bin auch froh, dass es vorbei ist. Eines finde ich auf jeden Fall gut: die Gastfreundschaft in dieser Gemeinde. Wir bleiben noch fast den ganzen Nachmittag bei dem Ehepaar, die auch die halbe Kirche und den Pfarrer eingeladen haben. Auch wenn ich Religion nicht mein Thema ist: wenn sie die Menschen so zusammenbringt, dann ist sie auf jeden Fall zu etwas gut.

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