Die Farbe von Wasser

Ich erinnere mich noch ganz genau an mein erstes Mal am Meer. Ich war damals 12 und wir besuchten meine Schwester in Bremerhaven. Vom Süden Deutschlands aus war es eine unglaublich lange Fahrt, und am Ende zogen wir in eine Ferienwohnung in einem Ort mit dem unglaublich stimmigen Namen „Flögeln bei Fickmühlen“. Schlagt es nach, das gibt es wirklich, auch wenn ich bezweifle das die Namensgeber dieses Ortes nüchtern waren. Trotzdem war es all das wert: als wir über den Deich liefen und sich dahinter eine unendliche Weite aus grauen Wellen. Der Wind riss an Haaren und Kleidung und es war alles andere als ein schöner Tag, aber für mich war es der Beginn einer Leidenschaft. Für meinen kleinen Bruder nicht so, und ich kann mich bis heute an seinen Gesichtsausdruck erinnern als er das erste Mal Meerwasser schmeckte: „Iiiihh, wer hat denn da Salz rein gekippt???“

Seit diesem Tag liebe ich das Meer. Im Schwarzwald ist es leider nicht so einfach, mal eben ans Meer zu fahren, und da meine Eltern lieber in Deutschland Urlaub machen und dieses jetzt nicht wirklich viel Küste hat, waren meine Erfahrungen mit richtigem Meer eher begrenzt. Auf dieser Reise hatte ich das große Glück an der schwedischen Küste entlang zu segeln (immer noch eins meiner liebsten Abenteuer), und auch sonst hatte es mich immer wieder ans Wasser gezogen. Aber auch wenn es jedes Mal wunderschön ist, es war nicht das türkisblaue Meer aus der Werbung.

Nachdem ich schweren Herzens Abschied von meinen Bienen und Dragan genommen habe, mache ich mich mit einem Nachtbus auf den Weg nach Budva in Montenegro. Als ich morgens viel zu früh aufwache, staune ich nicht schlecht als vor meinem Fenster eine beeindruckende Landschaft aus wild bewaldeten Bergen und weiten Seen liegt. Für den Rest der Fahrt schaue ich einfach nur aus dem Fenster, denn das hier ist viel zu schön um wahr zu sein.

Sobald der Bus endlich angekommen ist, renne ich schon fast mit meinem riesigen Wanderrucksack durch Budva – ich will das Meer sehen. Die Menschen schauen mich ziemlich verwirrt an und ich stoppe nur kurz, um eine Schale Erdbeeren zu kaufen. Doch es lohnt sich: als ich endlich an der Promenade stehe, kriege ich das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Vor mir schwappen sanfte Wellen vom Horizont her an den Strand und in der Ferne gleiten Segelboote über die Oberfläche. Und zum ersten Mal in meinem Leben ist das Wasser wirklich tiefblau. Die nächsten Stunden verbringe ich damit, wie eine Verrückte den Strand auf und ab zu rennen und meine Erdbeeren mit Meerblick zu genießen (eine Angewohnheit, die später zur Tradition werden würde).

Irgendwie ist das Mittelmeer anders als mein Meer im Norden. Die See dort oben ist zwar auch wunderschön, aber oft auf eine wildere, rauere Weise. Wenn ich dort am Strand entlang laufe muss ich sofort an Abenteuer und Seemonster denken, an Wikinger und Piraten. Das Meer vor mir ist mal tiefblau, mal türkisgrün und ich kann fast bis auf den Grund sehen. Es ist irgendwie ruhiger und erinnert mich daran, dass das Meer die Wiege des Lebens ist. Aber egal, ob ich stürmischer See begegne oder einer paradiesischen Küstenlinie: ich liebe das Meer. Und an Tagen wie diesen glaube ich, es liebt mich auch.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s