Memento Mori

Memento Mori – Vergiss nicht, dass du stirbst.

Was für ein großartiges Motto für eine Kirche, nicht wahr?? Die Menschen kommen und werden direkt daran erinnert, was für ein endliches Leben sie führen. Da zahlt man doch lieber ein bisschen mehr an die Kirche, damit man nach dem Tod auch wirklich ins Paradies kommt. Vor ein paar hundert Jahren hat Marketing eben noch anders funktioniert… vielleicht ein bisschen makaberer, aber nicht minder effektiv. Es ist schon fast schade, dass die berühmte „Knochen-Kapelle“ in Kutná Hora heute eher ein Touristenmagnet ist als eine Erinnerung an unser aller Ableben.

Ich werde das erste Mal auf einer Geburtstagsfeier in Skandinavien auf das Beinhaus aufmerksam gemacht. Der Bruder des Geburtstagskinds erzählt mir, dass er vor ein paar Jahren dort im Urlaub war und die Kapelle ziemlich interessant fand. Ich machte mir eine Notizund bedankte mich für den Tipp. Knapp drei Monate später sitze ich in einem Zug in die kleine ehemalige Bergbaugemeinde.

Die Knochen-Kapelle, die eigentlich Sedletz-Ossarium heißt, befindet sich im Untergeschoss der Allerheiligenkirche auf dem Sedletzer Friedhof. In dem vergleichsweise kleinen Kellergewölbe befinden sich sie Skelette von etwa 40.000 Menschen – knapp 10.000 davon wurden kunstvoll zu Dekorationen verarbeitet. Girlanden, Kronleuchter, ein riesiges Wappen und viele weitere Einrichtungsgegenstände aus Schädeln, Rippen und Beckenknochen dekorieren die Kapelle.

Warum gibt es hier so viele Knochen? Die Legende besagt, das einer der Mönche des angrenzenden Klosters eine handvoll Erde vom Kalvarienberg von einer Reise nach Jerusalem mitgebracht hat und diese auf dem Friedhof verteilt hat. Der dadurch zum heiligen Boden ernannte Friedhof wurde zu einem beliebten Bestattungsort in ganz Mitteleuropa, und sogar Leute aus Polen oder den Niederlanden wurden dort beigesetzt. Durch mehrere Pestepidemien und die Hussitenkriege kamen weitere tausend Tote hinzu, und der Friedhof musste trotz mehrerer Massengräbern ständig erweitert werden. Nachdem auf dem Gelände eine Kirche erbaut wurde, nutze man das Untergeschoss als Lagerstätte für die Überreste der Toten. Erst im Jahr 1870 begann man mit der außergewöhnlichen Innenausstattung, als der Holzschnitzer František Rint damit beauftragt wurde und anstatt Holz die eingelagerten Knochen benutzen sollte. Lange Zeit diente die Kapelle dann als sogenanntes „Memento Mori“.

Von ein bisschen Erde zu einem Lagerproblem zu einem Mahnmal des Todes zu einem beeindruckenden Gesamtkunstwerk. Die Knochen-Kapelle von Kutná Hora ist selbst mindestens genauso faszinierend wie die Geschichte dahinter. Das finden auch die vielen Touristen, die täglich durch das Beinhaus laufen und Fotos für Instagram schießen. Vielleicht ist das ja die letzte Station in der Geschichte: Absurdität. Von dem makaberen Stil geht eine Faszination aus, die vielleicht erklären könnte, warum der Tourguide uns ausdrücklich hinweißt: „Please, don’t lick the skulls“, oder warum eine der meist gestellten Fragen auf Google ist: „Kann ich hier heiraten?“ (Die Antwort ist übrigens Nein). Die Zeiten ändern sich, und nur eines bleibt gleich: wie seltsam Menschen sind.

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