Ode an eine Hose

Ich weiß wie diese Überschrift klingt. Ich weiß was ihr jetzt denkt, und nein, ich habe nicht endgültig den Verstand verloren, zumindest hoffe ich das. Ich meine das vollkommen ernst.

Andere Mädchen gehen gerne shoppen. Ich nicht. Versteht mich nicht falsch, ich mag es, mit Freunden in ein Einkaufszentrum zu fahren, Smoothies zu schlürfen und in unterschiedlichen Geschäften zu stöbern. Aber wenn es eines gibt was ich nicht mag, dann ist das stundenlang irgendwelche Kleider anzuprobieren, die mir irgendwie alle nie richtig passen oder mich aussehen lassen, als wäre ich 30 Jahre älter und hochschwanger. Vor allem Frauenmode geht mir gehörig auf die Nerven, da laut Modewelt jede Frau nichts lieber trägt als seltsam unbequeme Unterwäsche, bauchfreie „Kuschel-„Pullover, die auf der Innenseite unglaublich kratzig sind und Schuhe, in denen ich keine drei Meter laufen kann. All das sorgt dafür, dass der Gang zur Umkleidekabine sich mehr nach dem Weg zum Galgen anfühlt und ich vorsorglich alles zwei Nummern größer mitnehme.

Mein Todfeind: Hosen. Ich weiß nicht wieso, eigentlich finde ich meine Figur nicht so schlecht und auch nicht sonderlich ungewöhnlich. Aber passende Hosen einzukaufen ist für mich der blanke Horror. Modelle mit Namen wie „Boyfriend“ und „Skinny“ sehen an der Puppe noch klasse aus, in der Realität schwanken sie aber meist zwischen selbst genähter Sack und Presswurst. Mich stört vor allen Dingen, wie tief die meisten Jeans geschnitten sind. Offenbar gehen Modedesigner davon aus, dass ich als Frau nie in die Hocke gehen möchte, ohne dabei die Hälfte meines Hinterteils zu entblößen. Von aufgenähten Taschen wollen wir gar nicht reden.

Wenn ich dann doch mal eine passende Hose finde, fühlt es sich an wie ein kleiner Triumph. Knapp acht Monate vor Reisebeginn hatte ich so ein besonderes Exemplar gefunden, und sie war perfekt: Hohe Taille, gerader Schnitt, dunkelblaues Blumenmuster, schlicht weg die Art von Hose, bei der sogar deine besten Freunde eine Augenbraue heben und sagen: „Also ich würde so was ja nicht anziehen…“ Das sagt wahrscheinlich viel über meinen Style aus, aber bei mir regiert Function over Form.

Als ich dann meinen Rucksack packte war klar, dass ich auch eine Jeans mitnehmen sollte. Zu dieser Zeit war es zu warm, um lange Hosen zu tragen, weshalb ich sie zusammenfaltete und beim Einpacken dachte: „Ich werde dich jetzt jeden Tag tragen und du musst zwölf Monate lang halten.“ Wirklich, ich habe gebetet das diese Hose hält, damit ich bloß nicht im Ausland einkaufen gehen muss. Wie es aussieht habe ich nicht immer Glück.

Zwei Mal bin ich hingefallen und habe die Hose an den Knien aufgerissen, aber damit konnte ich leben. Kurz bevor ich meine Arbeit im Polarkreis beenden wollte, gab ich sie noch einmal in die Waschmaschine – als sie wieder herauskam, zog sich ein riesiger Riss quer über den Hosenboden. Natürlich war ich so stur noch weiterhin an meine geliebte Jeans zu glauben, und habe sie kurzerhand mit Zahnseide genäht. Ich weiß ihr lacht, aber Zahnseide ist viel stabiler als normaler Faden und deshalb unglaublich praktisch. Wie gesagt, ich bin noch nicht vollkommen verrückt.

Zwei Wochen lang hat meine Naht gehalten. Zwei Wochen lang bin ich in einer Jeans durch die Gegend gelaufen, die sichtbar mit Zahnseide genäht worden war. Zwei Wochen, dann gab der Stoff nach (nicht die Zahnseide). Und wie sollte es anders sein, das Dilemma passierte im wohl unpassendsten Moment überhaupt.

Ich war gerade auf dem Rückweg vom Polarkreis nach Dänemark. Da es keinen Direktflug gab, hatte ich drei Stunden Aufenthalt im Flughafen Oslo. Für mich war es der erste Verbindungsflug meines Lebens, weshalb ich nicht wusste ob ich zwischenzeitlich mein Gepäck abholen soll oder nicht. Während ich also durch die Menschenmengen tauche und nach einer Auskunft suche, spüre ich es plötzlich. Es ist schwer zu beschreiben, aber in dem Moment war mir sofort klar, was passiert war. Der Stoff neben meiner Naht hatte nachgegeben und war noch weiter aufgerissen, sodass ich praktisch in zwei nur noch am Bund verbundenen Hosenbeinen dastand.

Gott sei Dank kaufe ich Pullover wie gesagt immer viel größer ein, groß genug um meinen Hintern zu verbergen. Wahrscheinlich hätte ich einfach am Flughafen eine neue Hose kaufen können, aber Stolz und Geiz ließen mich in der kaputten Hose weiterreisen. Bis nach Dänemark habe ich sie getragen, dann wurde klar, dass es nicht so weitergehen kann.

Ich habe inzwischen eine neue Hose, sogar eine ohne Blumenmuster. Meine alte Hose bleibt trotzdem unvergessen, ich habe einfach zu viel mit ihr durchgestanden. Über die dänische Grenze wandern, nachts durch Wälder streifen, an der schwedischen Küste segeln, in norwegischen Wäldern arbeiten, im Polarkreis Holz stapeln, stundenlang im Auto sitzen auf dem Weg zum Nordkap. All das verdanke ich nicht zuletzt einer großartigen Hose. Ruhe in Frieden.

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